Die flotte Feder

Heute startet ein neues Projekt von Petra, diesmal ganz ohne schöne, bunte Fotos. Nach einem vorgegeben Anfangssatz entwickelt jeder selbst eine kleine Kurzgeschichte. Hier kommt nun meine erste Short-Story:

Aufatmend ließ ich mich auf das Sofa fallen, was war das für ein verrückter Tag gewesen, und griff…

….nach meinem Kissen, um die verspannte Halsmuskulatur etwas zu entlasten. Hatte ich jetzt den Kopf zu hoch getragen, hatte ich zu sehr „meinen Mann“ gestanden oder hatte ich etwas, wie eine Schildkröte, den Kopf immer wieder zwischen den Schultern versinken lassen? Egal, es gibt Tage, auf die man getrost verzichten könnte und genau so einer war heute durch mich hindurchgegangen!

Bevor überhaupt der Wecker eine Chance hatte zu klingeln, weckte mich ein Geräusch auf. Ich lauschte einen Moment, jemand hopste die Treppe hinunter. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, es war 3.30 Uhr, die Zeit zwischen Nacht und Tag, keine Zeit zum Hopsen, eher eine dahin schleichende Zeit, zäh tropfend, verstohlen leise, unentschlossen, in welche Richtung sich die Erde drehen sollte. Diese Stunden der Entscheidung, ob die Welt sich noch weiter dreht, kippt, rückwärts rollt oder – wie immer – voran schreitet, sie finden jede Nacht statt und immer zwischen 2.00 Uhr und 4.00 Uhr morgens.

Wer hopst zu einer solchen Uhrzeit die Treppe hinunter. Nicht, dass es mich wirklich interessiert hätte, mir missfiel nur die Erkenntnis, dass hier jemand rücksichtslos entschieden hatte, den neuen Tag schon beginnen zu lassen.

Drei Stunden später wachte ich dann endgültig auf, natürlich mit Kopfschmerzen. So viel wirres Zeug hatte ich geträumt, war in eine Traumwelt hinabgestiegen, dass mir von dem plötzlichen Aufstieg in das Hier und Heute ganz real der Schädel zersprang. Nach einer Schmerztablette und 2 Tassen Kaffee war ich bereit, dem neuen Morgen ins Gesicht zu sehen. Während ich meinen Platz in der Reihe der täglich zur Arbeit eilenden Fahrzeuge samt ihren Insassen einnahm, überfiel mich plötzlich die Idee, wie es wohl wäre, jetzt einfach weiter zu fahren. Die ausgefahrenen Wege zu verlassen, abzubiegen, einen neuen, unbekannten Weg einzuschlagen. Zu kurz war dieser Gedanke, zu schnell flog die Verlockung vorbei, schon kurvte ich auf meinen Parkplatz, eilte die Treppen empor und…stellte fest, dass die Eingangstür nur angelehnt war. Nicht verschlossen, zwei Mal umgedreht, wie ich es jeden Abend mache, wenn ich als letzte das Geschäft verlasse, nur einen Spalt breit offen, durch den das durch die herabgelassenen Rollläden im Inneren diffuses, abgedunkeltes Licht schimmerte.

Wie erstarrt stand ich einen Augenblick lang vor dieser unverschlossenen Tür und versuchte die Flut der Gedanken, die mich durchströmten, zu ordnen. „Ruhe bewahren“, ist erste Bürgerpflicht, was für ein dämlicher Satz. „Das ist nur Adrenalin“, schöne, rationale aber völlig unbrauchbare Information. „Rein gehen?“ Ja oder nein, „Was ist hinter der Tür?“, wer sollte da schon sein. Keiner dieser Gedanken wird zu Ende gedacht, geschweige denn beantwortet. Bewegungslos und mit völliger Leere im Gehirn schubse ich die Tür ein wenig mehr auf. Kein Widerstand, also steht auch niemand dahinter! Rechter Hand, nur zwei Schritte, befinden sich ein Büroraum mit kleinem, separatem Waschraum und einer ebenso kleinen Küche. Links, mindestens fünf Schritte, geht es zuerst nochmals rechts in das Chefzimmer und geradeaus in mein Zimmer.

Welche Richtung? Wo und wer lauert eventuell noch auf mich? Von welchem Raum aus habe ich die bestmögliche Fluchtchance? Zwei Schritte nach rechts, einem möglichen Angreifer die geringste Option bietend, gehe ich zuerst in das sogenannte kleine Bürozimmer. Leer, Gottseidank, aber das Fenster zum außen liegenden Flachdach steht offen, Drucker, Computer, ein paar private Bilder der Angestellten sind weg, ein umgeworfenes Bonbonglas und am Boden liegende Papiere zeigen deutlich, hier waren Einbrecher. Mutiger geworden stieß ich die Tür ins Badezimmer auf, rechts zum Lichtschalter tastend, hell erleuchtet und keiner zu sehen. Auch in der Küche gab es nichts zum Stehlen, das Inventar besteht nur aus zusammengewürfelten Einzelteilen, von altem, ausrangierten Geschirr, einer inzwischen unmodernen Kaffeemaschine, einem Kühlschrank mit defektem Gefrierfach, da gab es wirklich nichts zu holen.

Jetzt eilte ich den langen Flur entlang und sah mich in meinem Zimmer um. Auch hier die „normalen“ Spuren der Verwüstung und leere Plätze, wo vormals Faxgerät und Drucker standen. Mein Computer war wohl selbst für Diebe inzwischen zu veraltet. Die wild durcheinander liegenden Papiere offenbarten ein wenig vom Frust, der die Einbrecher wohl beim Anblick dieses antiquiert ausgestatteten Büros erfasst hatte. Jetzt noch ein Rundumblick in das Chefzimmer. Hier fehlten zwei wunderschöne, echte Aquarelle (eines mit einem französisch anmutenden Garten werde ich sehr vermissen) und ein paar Nippes- Gegenstände, Mitbringsel von seinen vielfältigen Reisen, fehlten. Ich war allein!

Zum ersten Mal in meinem Leben wählte ich die Eins-Eins-Null und beantwortete brav die Fragen des Kommissars am anderen Ende der Leitung. Nur auf die Frage, warum ich die Räume überhaupt betreten habe, wusste ich keine Antwort, außer, dass ich ihn sonst nicht hätte telefonisch benachrichtigen können, denn damals besaß ich noch kein Handy.

Eine knappe Viertelstunde später, die ich wie erstarrt auf meinem Stuhl sitzend verbrachte, getreu der Anweisung, nichts anzufassen, ich hätte schon genug Spuren am Tatort hinterlassen, erschien ein ganzer Trupp äußerst geschäftiger Männer. Einer „verhörte“ mich, ein anderer bestäubte Türrahmen, Tische, Spiegel, Bilder, Möbel mit anthrazitfarbenem Puder (wie sich später herausstelle, äußerst haftfähig) und sicherte Fingerabdrücke. Ein weiterer Polizist befragte die inzwischen eingetroffenen anderen Angestellten, natürlich völlig überflüssigerweise, ob sie irgendetwas gesehen, gehört oder „gefühlt“ hätten. Zwei Polizisten liefen durchs Haus und befragten die Nachbarn, mit dem Ergebnis, dass auch in andere Büros eingebrochen worden war, unser Einbruch also nur einer unter mehreren gewesen sei. Mein Chef telefonierte bereits mit dem Versicherungsfachmann und ließ sich dahingehend beruhigen, dass jetzt zwar viele Schreibarbeiten zu erledigen seien, der Schaden aber prinzipiell abgedeckt wäre.

Nachdem die eilends angefertigten Protokolle von uns allen unterschrieben waren, verzog sich der ganze Spuk so schnell, wie er aufgetaucht war. Wir blieben zurück mit der amtlich vorgetragenen Information, die Diebe seien vermutlich über das Flachdach eingestiegen (darauf wären wir nie gekommen!!!) und die jetzt eingeleiteten Ermittlungen würden vermutlich im Sande verlaufen, also bestünde auch keine Aussicht auf Erfassung und Verurteilung der Täter.

Ich saß auf meinem Stuhl und schaute mich um. Hier waren fremde Leute gewesen, die in meinen persönlichen Dingen herumgewühlt hatten, ihren Wert abgeschätzt, für wertlos befunden, mit der Aussicht auf den Verkauf der Ware mich, uns bestohlen hatten. Ich konnte ihre Gegenwart fühlen, ich betrachtete alles mit ganz anderen Augen, mir war ein Fremder zu nahe getreten. Ich hatte mich nicht wehren können gegen diese Verletzung meiner Intimsphäre, ich musste es als gegeben hinnehmen.

Jetzt fiel mir auch wieder der „Hopser“ in der frühen Morgenstunde ein. So in etwa könnte es sich abgespielt haben in diesem Bürogebäude. Das ist die Stunde der Einbrecher und die sind putzmunter und sind ganz sicher zwischen den einzelnen Stockwerken herumgelaufen, gerannt, gesprungen.

Hatte ich wirklich diese nächtliche Ruhestörung gehört? Oder hatte ich nur geträumt? Eine Vorahnung vielleicht? Ich werde es nie erfahren.

Den ganzen Tag über verfolgte mich die Frage, warum ich überhaupt so einfach, mutterseelenallein, gedankenlos im wahrsten Sinne des Wortes, die offensichtlich aufgebrochenen Räume betreten habe. Es war wohl ganz einfach die Ahnungslosigkeit des unschuldigen Bürgers, der selbst nichts Böses tut und dies, wie selbstverständlich, auch von allen anderen Bürgern annimmt.

Eine Welle der Enttäuschung überflutete mich, Traurigkeit nahm von mir Besitz. Ich fühlte mich ganz einfach betrogen um meine Werte. Den ganzen Tag über hatte ich so getan, als ob Einbruch, Diebstahl, für mich eine ebensolche Selbstverständlichkeit sei, wie für die Beamten, die tagaus, tagein damit zu tun haben. Ich war, aus meiner Sicht gesehen, tapfer gewesen. Jetzt fühlte ich mich nur noch allein gelassen, angefüllt mit nie gekanntem Misstrauen.

Auf diesen Tag hätte ich wirklich gerne verzichtet. Diese Erfahrungen hätte ich liebend gerne nicht gemacht. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass ich diese Erfahrung nie wieder brauchen werde, denn manche Erfahrungen sind wirklich einfach nur überflüssig und einmal gemacht, ist schon einmal zu viel.

Allen, die mir bis zum Schluss ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben, ein herzliches Dankeschön :lovehearts:

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9 Responses to Die flotte Feder

  1. Follygirl says:

    Ja, sagen wir mal eine „lange Kurzgeschichte“, aber sie hat mir gefallen!
    Auch wenn Dein Thema kein so positives war… gut erzählt, ich sah es vor mir…
    Vielen Dank und ich freue mich das Du mitgeschrieben hast!
    Liebe Grüße, Petra

  2. Himmelhoch says:

    Moni, was ist mit der Tür, die nicht abgeschlossen war, aber das Schloss so wie verschlossen, aber dennoch offen stand. – Da hätten sie doch gar nicht übers Dach einsteigen müssen – oder haben sie dort nur abtransportiert?
    Die hört sich sehr, sehr nach erlebt an, stimmts?

    • admin says:

      @Clara: Das Türschloss war fachmännisch geknackt und für einen Laien kaum zu erkennen. Hätte ich jede Einzelheit beschrieben, wär’s ein kleiner Roman geworden, gell :)

  3. Anna-Lena says:

    Eine sehr persönliche Geschichte, die sich auch für mich nach selbst erlebt anhört. Ganz besonders gefallen mir die Empfindungen zur Verletzung des eigenen ICH.
    Gefällt mir sehr, liebe Moni.

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

  4. Das hast Du gut und spannend beschrieben, mit Tiefgang.
    Danke!
    Liebe Grüße von:
    Beate

  5. Brigitte says:

    Da kommen Erinnerungen hoch, ja genauso spielt es sich ab.

    Gut erzählt, spannend bis zum Schluss. Klar, bleibt man auch aus Leser bis zum Schluss dabei

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende
    Liebe Grüsse
    Brigitte

    • admin says:

      @Brigitte: Danke Dir, bei der nächsten flotten Feder werde ich versuchen, mich kürzer zu fassen, bin wohl offensichtlich eine „Labertante“ :) Dir auch ein tolles Wochenende mit viel Sonnenschein!♥

  6. Follygirl says:

    Du kannst so lange Geschichten schreiben wir Du Lust und Laune und Ideen hast, da gibt es keine Begrenzung,,,(ich selber war auch „lang“…)
    Wünsche Dir ein gutes Wiochenende, Petra

♥ DANKESCHÖN von Herzen, dass du dir die Zeit genommen hast, hier vorbeizuschauen, zu lesen und zu kommentieren. Über jedes freundliche und aufmerksame Wort freue ich mich wirklich sehr! Liebe Grüße und bis bald! ♥ THANK YOU so much for stopping by, taking you time to look, to read and to leave a comment. I read and appreciate every single word. Take care and best wishes!